Der Impressionistische Film

Was haben wir gelacht vor vielen Jahren, als Chaplin uns mit seinem Slapstick unterhalten hatte. Viel Zeit ist vergangen. Der Film hat sich weiterentwickelt. Bisher ungeahnte Möglichkeiten wurden entdeckt. In Frankreich haben Avantgarde Regisseure wie Marcel L’Herbier, Germaine Dulac, Abel Gance und Jean Epstein erkannt, dass das Medium auch in eine Art künstlerische Gemälde verwandelt werden kann. Kinematographie wurde durch Kameraführung, Inszenierung, optischer Stilmittel und künstlerischer Formen neu erfunden.

Die Seiten unserer Filmgeschichte werden nun vom impressionistischen Film geschrieben, der in den 20er Jahren die Kinosäle Frankreichs füllte.

Aus gegebenem Anlass habe ich also einen entsprechenden Film gewählt: Der Untergang des Hauses Usher (The Fall of the House of Usher) von Jean Epstein aus dem Jahre 1928.

Dieser Film steht in einer der späten Perioden des Impressionismus und hat den Vorteil der Erfahrungen aus vergangenen Projekten. Impressionistische Darstellungen, Schnitte und Montagen sind schon weit fortgeschritten.

Im Mittelpunkt dieses (von einer Edgar Allen Poe Kurzgeschichte inspirierten) Horror Films steht das Haus von Usher, Roderick Usher – letzer Erbe einer Adelsfamilie, der mit seiner Frau Madeleine das mysteriöse Anwesen bewohnt. Madeleine hat übrigens eine den Ärzten unbekannte Krankheit und Roderick selbst ist davon besessen, seine Frau in verschiedensten Gemälden zu malen. Usher lässt einen Freund zu sich rufen, der ihm in den schwierigen Zeiten zur Seite stehen soll. So viel zum Main Plot.

Was mich zu Anfang des Films besonders fasziniert hat, war die emotionale Assoziation, die beim Publikum zum Namen „Usher“ ausgelöst wird. Anfangs ist man guter Dinge. Szene in einem Wirtshaus. Kraftvolle Gitarrenklänge untermalen eine dunkle Atmosphäre. Man weiß, dass es zwar um einen Usher geht und dass sein Freund dort hin soll. Aber was es mit ihm auf sich hat, ist noch unbekannt. Dann wird die Kamera auf die Blicke der Gäste gelenkt: Darin sind Furcht und düstere Gefühle zu erkennen – Lange Wirkungspause – Sie sprechen den Namen aus: „Usher“. Der Herr lässt sich natürlich trotz allem in die Nähe des Anwesens von Usher fahren. Nebel dominiert die kalte Landschaft. Der Reiter lässt seinen Fahrgast absteigen und will nicht weiter – Close Up auf das ängstliche Gesicht – Er zeigt mit zittrigem Finger knapp am Publikum vorbei und spricht das Wort aus: „Usher“. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Der Film ist durchgehend geprägt von starker Symbolik. Spätestens auf der Eingangstreppe zum Hause Usher erkennt der Zuschauer, dass dort eine unsichtbare Grenze herrscht. Eine Grenze, die die uns bekannte Wirklichkeit von einem Mysterium trennt. Weitwinklige Kameraperspektiven des Hausinneren deuten auf Kälte und Leere hin. Die langsamen Bewegungen der Hausherren zeigen eine düstere Ruhe. Kunstvoll in Szene gesetzte Eindrücke vermitteln das Gefühl einer angespannten Atmosphäre. Hier stimmt etwas nicht. Ich spüre plötzlich, dass mir seit einigen Minuten ungewohnt kalt ist. Diese Kälte wird mich noch weitere 60 Minuten nicht verlassen.

Zurück im Haus erkenne ich nun, worum es geht: Roderick Usher nimmt mit jedem Pinselstrich die Lebenskraft seiner Frau Madeleine und schenkt sie seinen Gemälden. Er gestaltet sich sein eigenes perfektes Abbild der imperfekten Wirklichkeit. Durch die Kunst kontrolliert er Realität und Natur. Die Realität verliert damit an Wirkung.

Schließlich fällt Madeleine scheinbar tot um. Als Usher das realisiert, verfällt er in einen Rausch von Trauer und Wahn. Großer Darren Aronofsky Moment: Die Kamera begleitet Usher’s Schritte und Bewegungen in frontaler Nahaufnahme. Noch näher kann der Zuschauer nicht in die Emotionen eingebunden werden.

Ich könnte ewig weiter reden und eine symbolische Szene nach der anderen auspacken. Erstens möchte ich aber nicht zu viel verraten und zweitens möchte ich nicht zu viel erzählen 🙂 Den impressionistischen Film habe ich jedenfalls nun auch erfahren. Wie der Name schon sagt, geht es hier um Eindrücke und Emotionen. Es geht darum, durch Sinneseindrücke tiefe Gefühle im Zuschauer auszulösen. Bei mir hat es geklappt: Furcht, Mitleid, Trauer, Hoffnung. Emotionale Kiste.

Ich empfehle also, sich den Film anzuschauen. Besonders, um zu erfahren was denn nun aus Madeleine’s Körper und Roderick’s Wahnsinn wird. So viel sei aber gesagt: Im Kampf von Kunst vs. Leben siegt schließlich das Leben.

Zum Glück gibt’s ja YouTube für die allgemeine Unterhaltung:

Und was kommt nach dem Impressionismus? Genau: Der Expressionistische Film.

Bild: Screenshot www.youtube.com/embed/3VWkP4ykK1U

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