Wie aus bewegten Bildern Geschichten wurden

Frühe Filme zeigten oft kurze Alltagsansichten: Menschen auf der Straße, Fabrikarbeit oder einfahrende Züge. Bald drehten Regisseure auch erfundene Geschichten. Sie fügten Szenen zusammen, um Spannung aufzubauen und Erwartungen zu wecken.

Georges Méliès erzählte fantastische Geschichten mit Verwandlungen und Trickaufnahmen. Edwin S. Porter verband Szenen an verschiedenen Orten zu längeren Handlungsabläufen. Der Wandel verlief schrittweise: Alltagsaufnahmen, Schauwerte und Geschichten bestanden lange nebeneinander.

Vom Alltag zur Inszenierung

Viele frühe Filme waren sogenannte Actualities, also kurze Aufnahmen wirklicher Orte, Menschen oder Ereignisse. Schon eine einzelne Ansicht konnte das Publikum fesseln, weil bewegte Bilder neu waren. Eine ausgearbeitete Handlung brauchte es dafür nicht.

Als Regisseure Szenen inszenierten, bekam die Kamera eine neue Aufgabe. Sie hielt nun nicht nur fest, was vor ihr geschah, sondern half dabei, eine erfundene Situation herzustellen. Schon vor Méliès und Porter erzählten Filme Geschichten: Edison-Story-Songs verbanden 1899 Bilder mit Liedtexten und Musik, um kleine Handlungen zu zeigen.

Alltagsaufnahmen und erfundene Geschichten liefen im frühen Kino nebeneinander. Die Library of Congress beschreibt, dass Erzählfilme nach 1902 an Beliebtheit gewannen. Filmhistoriker Tom Gunning fand in US-amerikanischen Copyrightdaten zugleich Actualities bis 1906 zahlenmäßig häufiger als fiktionale Filme. Die Library-Angabe beschreibt die Beliebtheit beim Publikum, Gunns Auswertung die registrierte Produktion. Sie zeigen, dass erzählte Filme an Bedeutung gewannen, während Alltagsansichten weiter produziert wurden.

Méliès verwandelt die Leinwand

Georges Méliès brachte Erfahrungen aus Zauberkunst und Theater ins Kino. Er nutzte die Kamera, um Figuren und Gegenstände verschwinden, auftauchen oder sich verwandeln zu lassen. Zu seinen Verfahren gehörten Stop-Motion, Überblendungen und Mehrfachbelichtungen. Bei Stop-Motion entsteht Bewegung, indem die Kamera zwischen einzelnen Aufnahmen angehalten und die Szene jeweils leicht verändert wird.

In Le Voyage dans la Lune (Die Reise zum Mond) von 1902 reisen Astronomen zum Mond. Die Rakete, die im Auge des Mondgesichts landet, verbindet einen Trickeffekt mit einem klaren Handlungsmoment: Das Bild überrascht und bringt das Abenteuer zugleich voran. Der Film dauert in der vom British Film Institute beschriebenen Fassung etwa acht Minuten.

Méliès’ Szenen wirken häufig wie sorgfältig komponierte Theaterbilder. Die Szenen stehen oft deutlich voneinander getrennt; schnelle Schnitte verbinden sie daher selten zu einer durchgehenden Handlung. Das Staunen über Verwandlungen und Bühnenbilder war ein eigener Teil des Vergnügens. Seine Filme erzählen Geschichten und zeigen zugleich Bilder, die das Publikum durch Verwandlungen und Bühnenbilder staunen lassen.

Porter verbindet Schauplätze

Edwin S. Porter zeigte besonders deutlich, wie mehrere Szenen eine verständliche Handlung ergeben. The Great Train Robbery von 1903 erzählt von einem Zugüberfall und der anschließenden Verfolgung. Die 14 Szenen führen das Publikum vom Überfall über weitere Ereignisse bis zur Jagd auf die Täter.

Ein Schnitt ist der Übergang von einer Filmaufnahme zur nächsten. Wenn die nächste Szene an einem anderen Ort spielt, muss das Publikum erkennen, wie dieser Ort zum bisherigen Geschehen gehört. Porter ordnet die Orte so, dass Ereignisse an einem Ort Folgen für das Geschehen an einem anderen haben. Damit reicht die Geschichte über eine einzelne Ansicht oder eine Folge unabhängiger Nummern hinaus.

Der Film gilt oft als Erfindung des Parallel- oder Kreuzschnitts. Damit ist gemeint, dass Szenen an verschiedenen Orten abwechselnd gezeigt werden, um gleichzeitig ablaufende Ereignisse zu verbinden. Bei The Great Train Robbery ist diese Deutung umstritten. Die Szenen um einen Telegraphisten lassen sich als gleichzeitig zum Überfall verstehen, aber auch als Ereignisse, die danach stattfinden. Sicherer ist daher die Aussage, dass Porter Handlungsorte wirkungsvoll verknüpfte und frühe Grundlagen für eine solche Montage schuf.

Wie frühe Filme Spannung aufbauten

Spannung entsteht, wenn das Publikum auf den Ausgang eines Ereignisses wartet. Dazu trägt auch bei, wann der Film dem Publikum wichtige Informationen zeigt. Zuschauerinnen und Zuschauer können etwa sehen, dass eine Figur bedroht ist, während sie zugleich auf mögliche Hilfe warten.

The Great Train Robbery baut Spannung über Überfall, Flucht und Verfolgung auf. Ein Bandit schießt am Ende direkt in die Kamera. Dieser Schuss wirkt wie ein unmittelbarer Angriff auf das Publikum und setzt auf den Schock des einzelnen Bildes. Porter hielt ihn laut Library of Congress sowohl für den Anfang als auch für das Ende des Films für geeignet.

Spätere Filme ordneten Gefahr und Rettung enger aufeinander. Lois Webers Suspense von 1913 zeigt mehrere Bedrohungen und Rettungsversuche parallel. Der Film nutzt unter anderem schnelle Schnitte, Großaufnahmen und eine dreigeteilte Bildfläche, auf der verschiedene Handlungsstränge gleichzeitig sichtbar sind. Im Vergleich zu Porters Film entstand Spannung hier durch genauere Verbindungen zwischen Orten, Figuren und Informationen.

Eine Entwicklung ohne Einzelerfinder

Méliès erzählte Abenteuer auf der Leinwand mit Verwandlungen und fantastischen Bildern. Porter machte die Verbindung mehrerer Schauplätze zu einem wichtigen Werkzeug für den Handlungsverlauf. Beide arbeiteten in einer Zeit, in der Filmschaffende die Möglichkeiten des Mediums noch erprobten.

Die Entwicklung des ersten Erzählfilms lässt sich keiner einzelnen Person eindeutig zuschreiben. Der Filmschnitt geht auf mehrere Filmschaffende zurück, darunter Porter. Alltagsaufnahmen, inszenierte Szenen und erzählte Abenteuer bestanden nebeneinander. Das frühe Kino entwickelte sich durch viele Versuche, aus einzelnen bewegten Bildern zusammenhängende Ereignisse und daraus Erwartungen beim Publikum zu formen.